Löhne und Einkommen

Die gewerkschaftliche Lohnpolitik ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hat viele Erfolge vorzuweisen. Dank den Mindestlohnkampagnen und den Fortschritten bei den Gesamtarbeitsverträgen sind die unteren Löhne deutlich gestiegen – im Unterschied zu vielen anderen Ländern in Europa. Und trotz Finanzkrise und Frankenüberbewertung erhöhten sich die Löhne insgesamt. Die von Arbeitgeberkreisen angedrohten Lohnsenkungen konnten die Gewerkschaften verhindern. Negativ ist hingegen, dass Mitarbeitende mit langer Betriebszugehörigkeit in den Krisenjahren weit weniger Lohnerhöhungen erhielten.

Die Frauenlöhne haben gegenüber den Männerlöhnen in den letzten Jahren etwas aufgeholt. Der Lohnunterschied ist mit rund 17 Prozent aber nach wie vor beträchtlich.

Im Vergleich zu den Löhnen der grossen Mehrheit der Bevölkerung stiegen die oberen und obersten Löhne deutlich stärker. Die Lohnschere ist auch in der Schweiz aufgegangen. Heute gibt es in der Schweiz rund 14‘000 Personen mit einem Lohn von einer halben Million Franken und mehr – gegenüber rund 3000 Mitte der 1990er Jahre.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem die Löhne, aber auch Einkommen aus Kapital und selbstständigem Erwerb, die bei den Topverdienern stärker gestiegen sind als in der restlichen Bevölkerung. Das einkommensstärkste Prozent der Bevölkerung bezieht heute bereits 11 Prozent der gesamten Schweizer Einkommen, Anfang der 1990er Jahre lag der Anteil noch bei 8 bis 9 Prozent.

Kumuliertes Lohnwachstum nach Lohnklasse seit 1996, preisbereinigt, Privatwirtschaft

Quelle: BFS. Lohnstrukturerhebung; Bemerkung: Wert für das oberste und die obersten 10 Prozent 2012-2016 mit dem Einkommenswachstum der entsprechenden Einkommensklassen der AHV-Statistik genähert.

Lesehilfe: Der Lohn der 10 Prozent mit den höchsten Löhnen stieg von 1996 bis 2004 um rund 10 Prozent an, von 1996 bis 2016 stiegen ihre Löhne insgesamt um 24 Prozent.

Die Lohnschere ist seit den 1990er Jahren auch in der Schweiz weit aufgegangen. Die Grafik zeigt die Entwicklung der preisbereinigten Stundenlöhne nach Lohnklassen. Seit 1996 sind die hohen (9. Dezil, 90 Prozent verdienen weniger) und höchsten Saläre (99. Perzentil, 99 Prozent verdienen weniger) deutlich stärker gewachsen als die übrigen Löhne. Die tiefen (1. Dezil, 10 Prozent verdienen weniger) und mittleren Löhne (Median, 50 Prozent verdienen weniger) wurden allerdings nicht völlig abgehängt. Auch sie sind über die Jahre gestiegen, jedoch weitaus weniger stark. Dies ist insbesondere den Mindestlohnkampagnen und den Fortschritten bei den Gesamtarbeitsverträgen zu verdanken. Um die Lohnschere zu verkleinern, braucht es aber weiterhin grosse Anstrengungen, bei den tiefsten wie auch bei den mittleren Löhnen.

In den «Boomjahren» zwischen 1996 und 2000 sowie zwischen 2002 und 2008 stiegen die Topmanagerlöhne rasant an. Dies widerspiegelt sich auch in der Anzahl Angestellte mit mehr als einer halben bzw. mit mehr als einer Million Franken Jahreslohn. Die Finanzkrise führte 2009 zwar zu einer vorübergehenden Korrektur, doch bereits 2014 hatte die Zahl der Einkommensmillionäre das Vorkrisenniveau wieder übertroffen. Immerhin sind die Wachstumsraten nicht mehr ganz so hoch wie noch vor der Finanzkrise. Zusammenfassend kann man deshalb festhalten, dass die Lohnungleichheit nicht mehr so stark zunimmt wie in den 2000er Jahren. Eine Trendwende hin zu einer ausgeglichenen Lohnverteilung steht allerdings weiter aus.

Grafik: Immer mehr Lohnmillionäre

Quelle: Bundesamt für Sozialversicherungen, AHV-Einkommensstatistik. Bemerkung: Die AHV-Einkommensdaten vor 1997 sind qualitativ nicht auf dem gleichen Niveau wie diejenigen nach 1997, da die Qualitätskontrollen weniger hoch waren.

Dass auch in der Finanzkrise und der Phase der Frankenüberbewertung Lohnerhöhungen ausgehandelt und Lohnsenkungen verhindert werden konnten, ist ein Erfolg. Dass die Krise dennoch Spuren hinterlassen hat, zeigt die Lohnentwicklung bei Mitarbeitenden mit langer Betriebszugehörigkeit. Ihre Löhne stiegen in der Krise unterdurchschnittlich. In Gesprächen mit Personalkommissionen in der Maschinenindustrie kommt klar zum Ausdruck, dass die Lohnstruktur in zahlreichen Betrieben mittlerweile völlig aus dem Lot ist. Dies rächt sich später auch bei der Pensionskassenrente – vor allem bei den Ü55. Wenn der Lohn stagniert, stagnieren auch die Beiträge. Dazu kommt die tiefere Verzinsung der Altersguthaben in den letzten Jahren. Im Rentenalter sind vor allem sie die Leidtragenden der stark gesunkenen Umwandlungssätze.

Lohnwachstum nach Dienstalter 2010-2016

Lohnwachstum 2014-2016

Quelle: Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung

Die Frauenlöhne haben gegenüber den Männerlöhnen in den letzten Jahren etwas aufgeholt. Auch weil auf Druck der Gewerkschaften in den Branchen und Betrieben sowie beim Bund Gegenmassnahmen ergriffen wurden. Der Lohnunterschied ist mit rund 17 Prozent aber nach wie vor beträchtlich. Die Gewerkschaften fordern deshalb griffige Instrumente gegen Lohndiskriminierung als auch substantielle, generelle Erhöhungen der tiefen und mittleren Löhne. Denn wenn die tiefen Löhne steigen, profitieren die Frauen am meisten.

Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern 2014

Grafik: Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern 2014

Quelle: Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung

Für die grosse Mehrheit der Haushalte sind die Löhne die wichtigste Einkommensquelle. Weitere Einkommensquellen sind Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit, Renten oder Ertrag aus Kapitalbesitz. Die Statistik der direkten Bundessteuer lässt eine Aussage zur Verteilung der Einkommen insgesamt zu – unabhängig von ihrer Quelle.

Die nachfolgende Grafik zeigt den Anteil aller besteuerten Reineinkommen, welche das einkommensstärkste Prozent aller Steuerpflichtigen bezieht. Der Anteil ist seit den 1990er Jahren stetig gestiegen. Heute bezieht das einkommensstärkste Prozent mehr als 11 Prozent aller Einkommen.

Grafik: Mehr fürs einkommenstärkste Prozent

Quelle: World Top Income Database. 1933-1994: Dell et al. (2007); 1995-2010: Foellmi und Martínez (2017);  2011-2014: Martínez (2018).

Lesehilfe: 1933 bekam das reichste 1 Prozent der Steuerpflichtigen rund 10% der gesamten Reineinkommen  (alle steuerpflichtigen Einkommen minus allgemeine Abzüge), im Jahr 2014 erhielten sie 11.3 Prozent.

Gemäss der Lohnstrukturerhebung (LSE) sind die obersten Löhne 2014 regelrecht eingebrochen (-19%) und 2016 wieder um 9 Prozent gestiegen (vgl. Grafik 2.2). Dadurch hätte sich die Lohnschere zwischen unten und oben wieder aufs Niveau der 1990er Jahre geschlossen. Eine solche Entwicklung ist zwar wünschenswert, aber unwahrscheinlich. Insbesondere das Absinken der höchsten Löhne zwischen 2012 und 2014 hat vermutlich weniger mit der Realität als mit der Änderungen bei der Datenerhebung LSE zu tun.
Lohnwachstum gemäss Lohnstrukturerhebung

Kumuliertes Lohnwachstum nach Lohnklasse seit 1996, preisbereinigt, Privatwirtschaft

Quelle: BFS, Lohnstrukturerhebung. Bemerkung: Für 2012-2016 ist das Wachstum des obersten Prozents mit der Reihe der obersten 10 Prozent der oberen und obersten Kader genähert, da die entsprechenden Daten nicht verfügbar sind.

Demgegenüber weist die AHV-Einkommensstatistik für 2012-2016 für die obersten Löhne einen weiteren Lohnanstieg aus. Die AHV-Statistik ist im Gegensatz zur LSE eine Vollerhebung und basiert direkt auf den gezahlten AHV-Beiträgen auf dem gesamten Lohn (inkl. Boni und andere Lohnbestandteile). Während die AHV-Statistik für tiefe Einkommen wenig aussagekräftig ist, weil keine Angaben zum Beschäftigungsgrad vorliegen, liefert sie für die hohen Einkommen eine verlässliche Datengrundlage (es kann davon ausgegangen werden, dass Personen mit sehr hohen Einkommen in der Regel Vollzeit beschäftigt sind). Wir verwenden deshalb für die Untersuchung des Wachstums der höchsten Löhne die Daten der AHV-Statistik.

Die Verteilung der Einkommen kann auch mit Haushaltbefragungen wie der Haushaltsbudget-erhebung (HABE) oder dem Survey on Income and Living Conditions (SILC) untersucht wer-den. Im Unterschied zu den Steuer- und den Lohnstatistiken auf den vorhergehenden Seiten beobachtet man, wie in der unten stehenden Grafik ersichtlich, seit der Jahrtausendwende eine verhältnismässig stabile Verteilung (vgl. auch Kuhn und Suter 2015). Im Falle der SILC war die Ungleichheit zuletzt sogar rückläufig.

Entwicklung der Ungleichheit gemessen mit Haushaltsdaten

Entwicklung der Ungleichheit gemessen mit Haushaltsdaten

Quelle: BFS, Haushaltsbudgeterhebung; Eurostat, Survey on Living and Income Conditions

Die gegenläufigen Resultate erklären sich zunächst dadurch, dass die Statistiken mit unterschiedlichen Einkommensdefinitionen arbeiten. Die Haushaltsdaten betrachten entweder die Bruttoeinkommen (d.h. alle Einkommen inklusive Sozialleistungen, aber vor Steuern und obligatorischen Abgaben) oder die verfügbaren Einkommen (d.h. alle Einkommen nach Steuern und obligatorischen Abgaben) der Haushalte. Die Steuerdaten bilden hingegen die Verteilung von Reineinkommen der Steuerpflichtigen ab (d.h. steuerpflichtige Einkommen nach Sozialversicherungsbeiträgen und allgemeinen Steuerabzügen, aber vor Steuern). Nur schon, weil mehrere Steuerpflichtige gemeinsam einen Haushalt bilden und ein Einkommen teilen können, ist die gemessene Ungleichheit in den Steuerdaten höher. Zudem sind Einkommen vor Steuern ungleicher verteilt als nach Steuern (vgl. auch Kapitel Steuern und Abgaben).

Allerdings bleiben auch Unterschiede in den Daten bestehen, wenn die gleichen Haushalts- und Einkommensdefinitionen verwendet werden. Das haben Hümbelin und Farys (2016) gezeigt: Im Vergleich zu den Steuerdaten im Kanton Bern schätzt die HABE die Ungleichheit (bei den Primäreinkommen, d.h. Einkommen vor Steuern und aller Transfers inkl. AHV) um 0.05 Gini-Basispunkte zu tief ein. Für die Ungleichheit (bei den steuerbaren Einkommen) zwischen den verheirateten Paaren in der ganzen Schweiz ist der Unterschied gar um 0.18 Gini-Basispunkte zu tief. Zum Vergleich: Die verfügbaren Einkommen in den sehr ungleichen USA sind um „nur“ 0.14 Gini-Basispunkte ungleicher verteilt als im relativ gleichen Norwegen!

Im Gegensatz zu den Steuerdaten ist in den Haushaltsdaten nur eine Stichprobe und nicht die ganze erwachsene Bevölkerung erfasst. Bei der HABE werden beispielsweise über drei Jahre hinweg 9‘000 bis 11‘000 Haushalte oder rund 0.4 Prozent aller Haushalte befragt. Mit diesen Stichproben ist es kaum möglich, die Ränder der Verteilung verlässlich abzubilden. Das gilt umso mehr, als dass Haushalte mit tiefen und sehr hohen Einkommen weniger bereit sind, an diesen Befragungen teilzunehmen. Hümbelin und Farys (ebd.) zeigen dann auch, dass die Einkommen unter dem Median (50 Prozent beziehen weniger Einkommen) und über dem 95. Perzentil (95 Prozent beziehen weniger Einkommen) deutlich untervertreten sind. Folglich findet es kaum Niederschlag in den Haushaltsdaten, wenn – wie im letzten Jahrzehnt – die höchsten Löhne und Einkommen überdurchschnittlich ansteigen.

Diese „Obere-Mittelschichts-Verzerrung“ ist aber nicht der einzige Grund, weshalb sich die grössere Lohnschere nicht in einer höheren Einkommensungleichheit in den Haushaltsdaten äussert. Frauen arbeiten heute im Durchschnitt in höheren Pensen als noch im Jahr 2000. Zudem arbeiten Frauen mit schlecht verdienenden Partnern nach wie vor mehr als Frauen mit gutverdienenden Partnern. Beides hat, wie Kuhn und Ravazzini (2017) zeigen, die Ungleichheit zwischen den Haushalten verringert. Das bedeutet auch, dass Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen das schwache Lohnwachstum mit zusätzlicher Arbeit kompensiert haben.

Oberste Löhne ziehen davon, Tieflöhne holen auf

Kumuliertes Lohnwachstum nach Lohnklasse seit 1996, preisbereinigt, Privatwirtschaft

Quelle: BFS. Lohnstrukturerhebung; Bemerkung: Wert für das oberste und die obersten 10 Prozent 2012-2016 mit dem Einkommenswachstum der entsprechenden Einkommensklassen der AHV-Statistik genähert.

Lesehilfe: Der Lohn der 10 Prozent mit den höchsten Löhnen stieg von 1996 bis 2004 um rund 10 Prozent an, von 1996 bis 2016 stiegen ihre Löhne insgesamt um 24 Prozent.

Es braucht weiterhin grosse Anstrengungen, bei den tiefsten wie auch bei den mittleren Löhnen. Die obige Grafik zeigt die Entwicklung der preisbereinigten Stundenlöhne nach Lohnklassen. Seit 1996 sind die hohen (9. Dezil, 90 Prozent verdienen weniger) und höchsten Saläre (99. Perzentil, 99 Prozent verdienen weniger) deutlich stärker gewachsen als die übrigen Löhne. Die tiefen (1. Dezil, 10 Prozent verdienen weniger) und mittleren Löhne (Median, 50 Prozent verdienen weniger) wurden allerdings nicht völlig abgehängt. Auch sie sind über die Jahre gestiegen, jedoch weitaus weniger stark.

Immer mehr Lohnmillionäre

In den «Boomjahren» zwischen 1996 und 2000 sowie zwischen 2002 und 2008 stiegen die Topmanagerlöhne rasant an. Dies widerspiegelt sich auch in der Anzahl Angestellte mit mehr als einer halben bzw. mit mehr als einer Million Franken Jahreslohn. Die Finanzkrise führte 2009 zwar zu einer vorübergehenden Korrektur, doch bereits 2014 hatte die Zahl der Einkommensmillionäre das Vorkrisenniveau wieder übertroffen. Immerhin sind die Wachstumsraten nicht mehr ganz so hoch wie noch vor der Finanzkrise. Zusammenfassend kann man deshalb festhalten, dass die Lohnungleichheit nicht mehr so stark zunimmt wie in den 2000er Jahren. Eine Trendwende hin zu einer ausgeglichenen Lohnverteilung steht allerdings weiter aus

Grafik: Immer mehr Lohnmillionäre

Quelle: Bundesamt für Sozialversicherungen, AHV-Einkommensstatistik. Bemerkung: Die AHV-Einkommensdaten vor 1997 sind qualitativ nicht auf dem gleichen Niveau wie diejenigen nach 1997, da die Qualitätskontrollen weniger hoch waren.

Die Folgen der Krise

Dass auch in der Finanzkrise und der Phase der Frankenüberbewertung Lohnerhöhungen ausgehandelt und Lohnsenkungen verhindert werden konnten, ist ein Erfolg. Dass die Krise dennoch Spuren hinterlassen hat, zeigt die Lohnentwicklung bei Mitarbeitenden mit langer Betriebszugehörigkeit. Ihre Löhne stiegen in der Krise unterdurchschnittlich. In Gesprächen mit Personalkommissionen in der Maschinenindustrie kommt klar zum Ausdruck, dass die Lohnstruktur in zahlreichen Betrieben mittlerweile völlig aus dem Lot ist. Dies rächt sich später auch bei der Pensionskassenrente – vor allem bei den Ü55. Wenn der Lohn stagniert, stagnieren auch die Beiträge. Dazu kommt die tiefere Verzinsung der Altersguthaben in den letzten Jahren. Im Rentenalter sind vor allem sie die Leidtragenden der stark gesunkenen Umwandlungssätze.

Lohnwachstum nach Dienstalter 2010-2016

Lohnwachstum 2014-2016

Quelle: Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung

Lohnungleichheit bleibt

Die Frauenlöhne haben gegenüber den Männerlöhnen in den letzten Jahren etwas aufgeholt. Auch weil auf Druck der Gewerkschaften in den Branchen und Betrieben sowie beim Bund Gegenmassnahmen ergriffen wurden. Der Lohnunterschied ist mit rund 17 Prozent aber nach wie vor beträchtlich. Die Gewerkschaften fordern deshalb griffige Instrumente gegen Lohndiskriminierung als auch substantielle, generelle Erhöhungen der tiefen und mittleren Löhne. Denn wenn die tiefen Löhne steigen, profitieren die Frauen am meisten.

Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern 2014

Grafik: Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern 2014

Quelle: Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung

Mehr fürs einkommensstärkste Prozent

Für die grosse Mehrheit der Haushalte sind die Löhne die wichtigste Einkommensquelle. Weitere Einkommensquellen sind Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit, Renten oder Ertrag aus Kapitalbesitz. Die Statistik der direkten Bundessteuer lässt eine Aussage zur Verteilung der Einkommen insgesamt zu – unabhängig von ihrer Quelle.

Die nachfolgende Grafik zeigt den Anteil aller besteuerten Reineinkommen, welche das einkommensstärkste Prozent aller Steuerpflichtigen bezieht. Der Anteil ist seit den 1990er Jahren stetig gestiegen. Heute bezieht das einkommensstärkste Prozent mehr als 11 Prozent aller Einkommen.

Grafik: Mehr fürs einkommenstärkste Prozent

Quelle: World Top Income Database. 1933-1994: Dell et al. (2007); 1995-2010: Foellmi und Martínez (2017);  2011-2014: Martínez (2018).

Lesehilfe: 1933 bekam das reichste 1 Prozent der Steuerpflichtigen rund 10% der gesamten Reineinkommen  (alle steuerpflichtigen Einkommen minus allgemeine Abzüge), im Jahr 2014 erhielten sie 11.3 Prozent.

AHV-Einkommensstatistik versus Lohnstrukturerhebung

Gemäss der Lohnstrukturerhebung (LSE) sind die obersten Löhne 2014 regelrecht eingebrochen (-19%) und 2016 wieder um 9 Prozent gestiegen (vgl. Grafik 2.2). Dadurch hätte sich die Lohnschere zwischen unten und oben wieder aufs Niveau der 1990er Jahre geschlossen. Eine solche Entwicklung ist zwar wünschenswert, aber unwahrscheinlich. Insbesondere das Absinken der höchsten Löhne zwischen 2012 und 2014 hat vermutlich weniger mit der Realität als mit der Änderungen bei der Datenerhebung LSE zu tun.
Lohnwachstum gemäss Lohnstrukturerhebung

Kumuliertes Lohnwachstum nach Lohnklasse seit 1996, preisbereinigt, Privatwirtschaft

Quelle: BFS, Lohnstrukturerhebung. Bemerkung: Für 2012-2016 ist das Wachstum des obersten Prozents mit der Reihe der obersten 10 Prozent der oberen und obersten Kader genähert, da die entsprechenden Daten nicht verfügbar sind.

Demgegenüber weist die AHV-Einkommensstatistik für 2012-2016 für die obersten Löhne einen weiteren Lohnanstieg aus. Die AHV-Statistik ist im Gegensatz zur LSE eine Vollerhebung und basiert direkt auf den gezahlten AHV-Beiträgen auf dem gesamten Lohn (inkl. Boni und andere Lohnbestandteile). Während die AHV-Statistik für tiefe Einkommen wenig aussagekräftig ist, weil keine Angaben zum Beschäftigungsgrad vorliegen, liefert sie für die hohen Einkommen eine verlässliche Datengrundlage (es kann davon ausgegangen werden, dass Personen mit sehr hohen Einkommen in der Regel Vollzeit beschäftigt sind). Wir verwenden deshalb für die Untersuchung des Wachstums der höchsten Löhne die Daten der AHV-Statistik.

Aussagekraft verschiedener Einkommenstatistiken

Die Verteilung der Einkommen kann auch mit Haushaltbefragungen wie der Haushaltsbudgeterhebung (HABE) oder dem Survey on Income and Living Conditions (SILC) untersucht werden. Im Unterschied zu den Steuer- und den Lohnstatistiken auf den vorhergehenden Seiten beobachtet man, wie in der unten stehenden Grafik ersichtlich, seit der Jahrtausendwende eine verhältnismässig stabile Verteilung (vgl. auch Kuhn und Suter 2015). Im Falle der SILC war die Ungleichheit zuletzt sogar rückläufig.

Entwicklung der Ungleichheit gemessen mit Haushaltsdaten

Entwicklung der Ungleichheit gemessen mit Haushaltsdaten

Quelle: BFS, Haushaltsbudgeterhebung; Eurostat, Survey on Living and Income Conditions

Die gegenläufigen Resultate erklären sich zunächst dadurch, dass die Statistiken mit unterschiedlichen Einkommensdefinitionen arbeiten. Die Haushaltsdaten betrachten entweder die Bruttoeinkommen (d.h. alle Einkommen inklusive Sozialleistungen, aber vor Steuern und obligatorischen Abgaben) oder die verfügbaren Einkommen (d.h. alle Einkommen nach Steuern und obligatorischen Abgaben) der Haushalte. Die Steuerdaten bilden hingegen die Verteilung von Reineinkommen der Steuerpflichtigen ab (d.h. steuerpflichtige Einkommen nach Sozialversicherungsbeiträgen und allgemeinen Steuerabzügen, aber vor Steuern). Nur schon, weil mehrere Steuerpflichtige gemeinsam einen Haushalt bilden und ein Einkommen teilen können, ist die gemessene Ungleichheit in den Steuerdaten höher. Zudem sind Einkommen vor Steuern ungleicher verteilt als nach Steuern (vgl. auch Kapitel Steuern und Abgaben).

Allerdings bleiben auch Unterschiede in den Daten bestehen, wenn die gleichen Haushalts- und Einkommensdefinitionen verwendet werden. Das haben Hümbelin und Farys (2016) gezeigt: Im Vergleich zu den Steuerdaten im Kanton Bern schätzt die HABE die Ungleichheit (bei den Primäreinkommen, d.h. Einkommen vor Steuern und aller Transfers inkl. AHV) um 0.05 Gini-Basispunkte zu tief ein. Für die Ungleichheit (bei den steuerbaren Einkommen) zwischen den verheirateten Paaren in der ganzen Schweiz ist der Unterschied gar um 0.18 Gini-Basispunkte zu tief. Zum Vergleich: Die verfügbaren Einkommen in den sehr ungleichen USA sind um „nur“ 0.14 Gini-Basispunkte ungleicher verteilt als im relativ gleichen Norwegen!

Im Gegensatz zu den Steuerdaten ist in den Haushaltsdaten nur eine Stichprobe und nicht die ganze erwachsene Bevölkerung erfasst. Bei der HABE werden beispielsweise über drei Jahre hinweg 9‘000 bis 11‘000 Haushalte oder rund 0.4 Prozent aller Haushalte befragt. Mit diesen Stichproben ist es kaum möglich, die Ränder der Verteilung verlässlich abzubilden. Das gilt umso mehr, als dass Haushalte mit tiefen und sehr hohen Einkommen weniger bereit sind, an diesen Befragungen teilzunehmen. Hümbelin und Farys (ebd.) zeigen dann auch, dass die Einkommen unter dem Median (50 Prozent beziehen weniger Einkommen) und über dem 95. Perzentil (95 Prozent beziehen weniger Einkommen) deutlich untervertreten sind. Folglich findet es kaum Niederschlag in den Haushaltsdaten, wenn – wie im letzten Jahrzehnt – die höchsten Löhne und Einkommen überdurchschnittlich ansteigen.

Diese „Obere-Mittelschichts-Verzerrung“ ist aber nicht der einzige Grund, weshalb sich die grössere Lohnschere nicht in einer höheren Einkommensungleichheit in den Haushaltsdaten äussert. Frauen arbeiten heute im Durchschnitt in höheren Pensen als noch im Jahr 2000. Zudem arbeiten Frauen mit schlecht verdienenden Partnern nach wie vor mehr als Frauen mit gutverdienenden Partnern. Beides hat, wie Kuhn und Ravazzini (2017) zeigen, die Ungleichheit zwischen den Haushalten verringert. Das bedeutet auch, dass Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen das schwache Lohnwachstum mit zusätzlicher Arbeit kompensiert haben.