Steuern und Abgaben

Wie viel Geld den Haushalten zum Leben bleibt, hängt nicht nur von ihrem Lohn oder Kapitaleinkommen ab, sondern auch von der Höhe der Steuern und Abgaben. Diese belasten die verschiedenen Einkommensklassen unterschiedlich stark. Weil die Einkommenssteuern progressiv ausgestaltet sind, zahlen hohe Einkommen anteilsmässig mehr Steuern als tiefe. Die Krankenkassenprämien hingegen sind Kopfprämien und belasten deshalb tiefe und mittlere Einkommen deutlich stärker, wobei ein Teil durch die Prämienverbilligungen aufgefangen wird.

In den untenstehenden Abbildungen gehen wir auf die Verteilungswirkung von Einkommenssteuern und Krankenkassenprämien (inkl. Prämienverbilligung) näher ein und zeigen, wie sich die Abgabenbelastung in den letzten Jahren für verschiedene Einkommensklassen verändert hat.

Zusammengefasst zeigen unsere Auswertungen: Die Schweizer Steuer-  und Abgabenpolitik in den letzten 20 Jahren war im Interesse der Oberschicht.

Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen wurden jedoch deutlich stärker zur Kasse gebeten. Die bedeutenden Lohnfortschritte wurden durch diese unsoziale Politik zu einem beträchtlichen Teil zunichtegemacht.

Die obersten Einkommen profitierten vor allem von den Einkommenssteuersenkungen in nahezu allen Kantonen. Die übrigen Haushalte leiden hingegen immer stärker unter den Krankenkassenprämien. Die Durchschnittsprämien haben sich seit 1997 mehr als verdoppelt, während die Prämienverbilligungen nur um ein Drittel stiegen. Unter dem Strich hat sich die Prämienbelastung für Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen seit dem Jahr 2000 teilweise mehr als verdoppelt. Die tiefsten Einkommen zahlen heute insgesamt bis zu 300 Franken pro Monat mehr für Steuern- und Abgaben, während die höchsten Einkommen pro Monat bis zu 610 Franken pro Monat weniger bezahlen.

Steuerpolitik im Dienst der Oberschicht

Der Bund und viele Kantone haben in den letzten Jahren ihre Einkommenssteuern reformiert. Die hohen Einkommen konnten im schweizerischen Durchschnitt viel stärker von diesen Steuerreformen profitieren als die Haushalte mit mittleren Einkommen. Die Steuerprogression – der Grundsatz, dass starke Schultern mehr tragen sollen als schwächere – wurde reduziert. Wegen den Steuersenkungen zahlt eine alleinstehende Person mit einem Einkommen von einer Million heute über 30’000 Franken weniger Steuern als im Jahr 2000. Während die hohen Einkommen überdurchschnittlich stark gestiegen sind, tragen sie also gleichzeitig deutlich weniger zur Finanzierung des Gemeinwesens bei als noch Mitte der 1980er Jahre. Für die grosse Mehrheit der Steuerpflichtigen sanken die Steuern hingegen nur geringfügig.

Ungleiche Steuersenkungen seit 1984

Im Jahr 2018 zahlte eine alleinstehende Person mit einem mittleren Lohn rund 13% ihres Einkommens, also 9’750 Fran-ken Steuern. Dies ist (bereinigt mit der durchschnittlichen Lohnentwicklung) fast gleich viel wie 1984. Die Steuern der Topeinkommen sind hingegen stark gesunken.

Kantonale Steuersenkungen

Hauptverantwortlich für die ungleiche Entwicklung der Besteuerung sind die Kantone. Zwar wurden auch die Bundessteuern seit den 1980ern für die obersten Einkommen leicht stärker gesenkt als für die mittleren. Der Grossteil der Steuersenkungen für Spitzeneinkommen geht aber auf die Steuerpolitik der Kantone zurück. In elf Kantonen wurde die Steuerlast für die mittleren Einkommen zwischen 2000 und 2018 sogar leicht erhöht, während sie für die Spitzenverdienende gesenkt wurden. Spitzenreiter der ungleichen Steuerpolitik im letzten Jahrzehnt sind die Kantone Schaffhausen, Uri, Solothurn, Thurgau, St. Gallen und Aargau.

Wie die Abbildung unten zeigt, fällt die Entlastung bei Familien etwas gleichmässiger aus. Auf Bundesebene hat vor allem die Einführung des Verheiratetenabzugs, die Erhöhung des Zweitverdienerabzugs (beides 2008) sowie die Einführung des Elterntarifs (2011) dazu beigetragen. Auch in den Kantonen gab es Massnahmen zur Entlastung von Familien mit Kindern. Im schweizerischen Durchschnitt wog die Entlastung der Topeinkommen dennoch stärker. Insbesondere bei den Bundessteuern ist Familienpolitik via weitere Steuersenkungen kaum wirksam, denn fast die Hälfte der Familien mit Kindern zahlt gar keine Steuern auf Bundesebene.


Unterschiedlich starke Bevorteilung der Spitzenverdiener

Grafik: Steuersenkungen in Kantonen (Familie)Grafik: Steuersenkungen in Kantonen (alleinstehend)

Die Politik, die wenige Spitzenverdienende begünstigt, widerspiegelt sich nicht nur bei den hier präsentierten durchschnittlichen Einkommenssteuersätzen. Die Unternehmenssteuerreform II brachte 2011 unter anderem eine reduzierte Besteuerung von Dividendeneinkommen bei qualifizierten Beteiligungen und die Steuerbefreiung von ausgeschütteten Kapitaleinlagen («Agioreserven»). Auch dank diesen Begünstigungen sparten hauptsächlich Spitzenverdienende Steuern. Auch bei den Vermögen und den Erbschaften wurden die Reichsten begünstigt (vgl. Lampart et al. 2015). Sie profitierten einerseits stark von der Abschaffung der Erbschaftssteuern für direkte Nachkommen in zahlreichen Kantonen. Andererseits wurden die Vermögenssteuern – ähnlich wie die Einkommenssteuern – am oberen Ende der Verteilung stärker gesenkt.

Prämienlast wird zunehmend untragbar

Die Krankenkassenprämien sind für viele Personen in der Schweiz neben den Mieten der grösste regelmässige Ausgabeposten. Die durchschnittlichen Prämien seit der Einführung des heute gültigen Krankenversicherungsgesetzes 1997 mehr als verdoppelt. Weil die Krankenkassenprämien einkommensunabhängig sind, führte dies vor allem für Familien und Personen mit tiefen Einkommen zu einer starken Mehrbelastung. Um die Prämienlast für Familien und Geringverdienende abzufedern, gibt es in der Schweiz Prämienverbilligungen. Doch die Kantone erhöhten die individuelle Prämienverbilligung pro Kopf seit 1997 nur um 49 Prozent. Die Verbilligungen waren so nicht in der Lage, die höheren Prämien auszugleichen. Weil zudem die durchschnittlichen Löhne deutlich langsamer wuchsen, lasten die Prämien heute viel stärker auf den Haushaltsbudgets als noch vor der Jahrtausendwende.

Grafik: Löhne und Prämienverbilligungen hinken Prämien hinterher

Prämienlast im Detail

Die untenstehenden Abbildungen zeigen die durchschnittliche Belastung verschiedener Haushalte durch die Krankenkassenprämien im Jahr 2019. Dabei stellen wir jeweils die Nettoprämienbelastung (d.h. Bruttoprämie minus Prämienverbilligung) in Prozent des Bruttoeinkommens (Bruttolöhne und andere Einkommen des Haushalts) dar.

Alleinstehende und Paare ohne Kinder (unter 65 Jahre) mit tiefem Einkommen geben zwischen 10 und 16 Prozent ihres Einkommens für Prämien aus. Familien mit Kindern bis 18 Jahre müssen trotz Prämienverbilligung bis zu 10 Prozent (Alleinerziehende, 1 Kind) bzw. 13 Prozent (Paare, 2 Kinder) ihres Bruttolohnes für die Krankenkassenprämien aufwenden. Besonders hoch ist die Belastung für Familien mit jungen Erwachsenen in Ausbildung. Diese erreicht bei Alleinerziehenden (1 junge Erwachsene in Ausbildung) mit einem tiefen bis mittleren Einkommen bis zu 14 Prozent. Paare mit zwei jungen Erwachsenen zahlen sogar bis zu 17 Prozent ihres Einkommens für die Prämien.

Grafik: Hohe Belastung trotz Prämienverbilligung

Quelle: Eigene Berechnungen, vgl. Methodenanhang

Massive Zunahme der Belastung

Gegenüber dem Jahr 2000 ist die Belastung für alle Einkommen stark gestiegen, am stärksten jedoch für tiefe Einkommen. Für Alleinerziehende mit einem Kind lag die Belastung im Jahr 2000 immer unter 4 Prozent, heute liegt sie bei tiefen Einkommen bei über 10 Prozent des Bruttoeinkommens. Genauso bei Paaren mit 2 Kindern: Von 2000 bis 2019 hat die Belastung bei einem Einkommen von 55‘000 Franken von 4 Prozent auf 12 Prozent zugenommen. Ein grosser Teil dieser Zunahme ist auf frühere Jahre zurückzuführen, vor allem auf die Periode 2009 bis 2016 (vgl. Abbildung 11). Aber auch seit 2016 stieg die Belastung für die Haushalte weiter. Beispielsweise für ein Paar mit zwei Kindern und mittlerem Einkommen (75’000 Franken) um zwei Prozentpunkte oder 1’600 Franken pro Jahr.

Grafik: Massive Zunahme der Prämienbelastung

Bezahlbare Prämien für alle

Für viele Haushalte ist die Bezahlung der Krankenkassenprämien eine substantielle Belastung. So sagten 2017 zehn Prozent der Haushalte mit Kindern, dass sie bei den Krankenkassenprämien in Zahlungsrückstand seien. Vier Jahre zuvor waren es erst acht Prozent der Haushalte. Eine Senkung der Prämienlast ist dringend notwendig. Der SGB schlägt ein Modell vor, das die Prämien auf maximal 10 Prozent des Nettoeinkommens (Bruttoeinkommen abzgl. Sozialversicherungsbeiträge) begrenzt. Ein zusätzlicher Abzug für Kinder und junge Erwachsene in Ausbildung sowie für Alleinerziehende garantiert, dass Familien mit tiefen Einkommen proportional stärker entlastet werden. Ein solcher Ausbau der Prämienverbilligungen sowohl für tiefe, als auch für Familien mit mittleren Einkommen eine deutliche Entlastung bedeuten würde. (Detaillierte Beschreibung des Modells im Bericht)

Grafik: Krankenkassenprämien im Vergleich

Geringe Progression der Abgabenlast

Die prozentuale Gesamtbelastung durch die obligatorischen Abgaben nimmt mit zunehmendem Einkommen nur schwach zu. Während die hohen Einkommen zwar einen deutlich grösseren Anteil ihres Einkommens für die Steuern aufwenden, sind für sie Krankenkassenprämien und indirekte Steuern weniger gewichtig.

Anders bei den tiefen Einkommen: Trotz Prämienverbilligung zahlen sie für Prämien und indirekte Steuern fast ein Fünftel ihres Einkommens. Dies führt dazu, dass alleinstehende Personen mit einem Monatseinkommen von 4’200 Franken im Durchschnitt knapp 40 Prozent ihres Einkommens für Steuern und Abgaben aufwenden müssen. Die Belastung für eine Person mit 25‘000 Franken Lohn pro Monat ist mit 46 Prozent nicht sehr viel höher.

Bei den Familien ergibt sich dank etwas höheren Prämienverbilligungen, der tieferen Steuern und insbesondere den Familienzulagen im unteren Einkommensdrittel eine stärkere Progression. Familien mit 6’200 Franken Bruttoeinkommen pro Monat wenden (nach Abzug der Familienzulagen) durchschnittlich 29 Prozent ihres Einkommens für die obligatorischen Abgaben auf.

Die Progression bei den direkten Steuern wird durch die degressive Wirkung der Krankenkassenprämien und der indirekten Steuern deutlich abgeschwächt. Die Belastung durch staatliche Abgaben ist dadurch nur noch schwach von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit abhängig. Hinzu kommt, dass die direkten Steuern bei sehr hohen Einkommen im Durchschnitt sogar degressiv wirken. Da Spitzenverdienende meist in steuergünstigen Gemeinden wohnen, steigt die durchschnittliche steuerliche Belastung für Alleinstehende ab einem Einkommen von 300‘000 Franken kaum mehr und sinkt sogar bei Einkommen über 1‘000‘000 Franken im Jahr.

Geringe Progression – sowohl für Alleinstehende wie auch für Familien

Grafik: Geringe Progression (Alleinstehende)

Grafik: Geringe Progression (Familien)

Normalverdienende zahlen mehr, Topeinkommen entlastet

Obwohl die Löhne in den letzten Jahren real gestiegen sind, hat die grosse Mehrheit Ende Monat kaum mehr zum Leben als im Jahr 2000. Das verfügbare Einkommen (Lohn minus Steuern, Abgaben und Mieten) ist für tiefe Einkommen sogar leicht tiefer als vor 19 Jahren, für mittlere Einkommen ist es nur leicht gestiegen. Die hohen und höchsten Einkommen haben heute hingegen mehrere Hundert bis mehrere Tausend Franken pro Monat mehr in der Tasche.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Höheres Lohnwachstum bei den Toplöhnen, Steuererleichterungen für Spitzenverdienende, gestiegene Krankenkassenprämien und Kürzungen bei den Prämienverbilligungen. Dazu kommt, dass auch die Wohnungsmieten in den letzten Jahren stark gestiegen sind, was ebenfalls tiefe Einkommen und Familien überproportional belastet. Auch beim Mietanstieg trägt die Politik Mitverantwortung. Sie hat es versäumt, für günstigen Wohnraum zu sorgen und mit einem breiteren Angebot den Aufwärtsdruck bei den Mieten zu stoppen.

Grafik: Trotz höheren Löhnen nicht mehr zum Leben